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Schärfe & Unschärfe!
Dieses Gestaltungsmittel bietet große Vielseitigkeit, um das Motiv auf einfache Weise zu gewichten.


Schärfe und Unschärfe sind besonders vielseitige Gestaltungsmittel, mit denen Sie Ihr Motiv auf einfache Weise gewichten. Denn alles, was scharf ist, zieht den Blick des Betrachters an, während Unschärfen in den Hintergrund treten.

Ein weit verbreiteter Anspruch an ein gutes Bild lautet, dass es vor allem eines sein muss - nämlich scharf. Mindestens ein kleiner Bereich soll "richtig" scharf fokussiert sein, damit eine Aufnahme als technisch einwandfrei gelten kann. Dieser Gedanke vernachlässigt all jene Aufnahmen, die nicht nur Schärfe als Gestaltungsmittel einsetzen, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen, sondern auch - oder sogar ausschließlich - Unschärfen. Schärfe und Unschärfe gehören nämlich zusammen und bilden gemeinsam ein facettenreiches Werkzeug für die technische und gestalterische Umsetzung einer Bildidee.

Fokus und Schärfentiefe
Sprechen wir von der Schärfe in einer Fotografie, so geht es zu allererst um den scharf fokussierten Bereich, den Sie bei der Aufnahme für Ihr Motiv wählen. Diesen Fokuspunkt definieren Sie durch eine manuelle oder automatische Fokussierung und legen im Zuge dessen eine parallel zur Sensorebene verlaufende Ebene fest, auf der alles hundertprozentig scharf abgebildet ist. "Scharf" meint hier tatsächlich den rein physikalischen Zustand, dass ein Punkt auf der fokussierten Ebene auch einem Punkt auf der Sensorebene entspricht. Dementsprechend ist faktisch alles, was vor und hinter dieser Ebene liegt, unscharf. Punkte werden hier nicht mehr als Punkte, sondern als kleine oder größere Kreise abgebildet. Je größer der Abstand zur Fokusebene, desto größer werden auch diese sogenannten Streukreise. Der Punkt bekommt also eine räumliche Ausdehnung und das Motiv, das sich aus sehr vielen solcher Punkte zusammensetzt, beginnt in der Abbildung zu verschwimmen.

Genau hier kommt das Phänomen Schärfentiefe ins Spiel, das uns auch dann noch einen Schärfeeindruck vermittelt, wenn rein physikalisch gesehen gar keiner mehr vorhanden ist. Dieser Effekt ist auf das Auflösungsvermögen unserer Augen zurückzuführen, das die sehr kleinen, nah bei der Schärfeebene liegenden Streukreise noch als Punkte wahrnimmt und dementsprechend als unverschwommen und scharf einordnet. Wie groß der Bereich im Foto ausfällt, der uns noch scharf erscheint, ist von vier Einflussgrößen abhängig: erstens von der gewählten Blende, zweitens von der eingesetzten Brennweite, drittens von der Größe des Kamerasensors und viertens von der Entfernung zwischen fokussierter Ebene und Sensorebene. Diese Faktoren können sich gegenseitig in ihrer Wirkung steigern, abschwächen oder aufheben. Mehr Schärfentiefe wird verursacht durch eine kleinere Blendenöffnung beziehungsweise eine größere Blendenzahl, eine kürzere Brennweite, einen größeren Abstand zwischen Sensor- und Fokusebene und einen kleineren Sensor.

Selbstverständlich verursachen die jeweils gegenteiligen Werte eine reduzierte Schärfentiefe im Bild, das heißt, der scharfe Bereich im Bild wird geringer durch eine größere Blendenöffnung beziehungsweise eine kleinere Blendenzahl, eine längere Brennweite, einen geringeren Abstand zwischen Sensor- und Fokusebene und ein größeres Sensorformat.

Die Wirkung der einzelnen Einflussgrößen können Sie mithilfe der Abblendtaste überprüfen, welche Ihnen das spätere Bild bereits im Sucher simuliert.

Tendenziell erstreckt sich in den überwiegenden Fällen der Schärfentiefebereich zu einem größeren Teil hinter und zu einem kleineren Teil vor der Fokus ebene. Die Ausnahme bildet hier ein sehr geringer Abstand zwischen Motiv und Kamera, der dazu führt, dass der größere Teil der Schärfentiefe vor der Schärfeebene im Bild liegt. In der Makrofotografie wird das besonders deutlich, da Sie dort besonders nah an das Motiv herangehen. Dieser geringe Abstand führt zu einer so geringen Schärfentiefe, die kaum mehr durch die anderen Einflussgrößen aufgewogen
werden kann. Das Ergebnis sind extrem schmale Schärfebereiche in der Makrofotografie.

DER SCHäRFEEINDRUCK
Wie groß ein Streukreis sein darf, um für das menschliche Auge noch als scharfer Punkt durchzugehen, ist nicht exakt zu benennen, denn die Grenze zwischen "scharf" und "unscharf" ist fließend und sehr subjektiv, da sie sich von Mensch zu Mensch durchaus individuell unterscheiden kann. Der Schärfeeindruck ist tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes ein Eindruck, ein Sinneseindruck, eine Sinneswahrnehmung und abgesehen von der exakt fokussierten Schärfeebene kein objektiver Zustand.

Doch wie können Sie in einem Bild erkennen, was scharf ist beziehungsweise worauf können Sie bei Aufnahme und Nachbearbeitung achten, um den Schärfeeindruck eines Fotos zu erhöhen? Die folgenden Faktoren beeinflussen unseren Schärfeeindruck: Erstens die Bildauflösung, die mindestens genauso hoch sein sollte wie die unserer Augen, damit wir nicht nur einzelne Bildpunkte, sondern durchgehende Flächen und sanfte übergänge wahrnehmen können.

Zweitens der Kontrast des Bildes, also die Stärke des vorhandenen Hell-Dunkel- Kontrastes. Je größer der Kontrastumfang, also je größer der Unterschied zwischen der hellsten und der dunkelsten Stelle im Bild ist, desto klarer, brillanter und schärfer wird sie uns erscheinen.

Drittens die sogenannte Akutanz, welche den Hell-Dunkel-Kontrast an den
Motivkonturen beschreibt. Je deutlicher die einzelnen Farbflächen im Bild voneinander zu unterscheiden sind, also je klarer umrissen das Motiv abgebildet ist, desto schärfer wirkt das gesamte Bild.

Viertens und letztens haben der Betrachtungsabstand und damit auch die Größe des Bildes einen Einfluss auf unser Schärfeempfinden, wobei dieser Punkt eng mit der Auflösung zusammenhängt. Ein Werbeplakat wirkt mit entsprechendem Abstand scharf und richtig aufgelöst, doch sobald Sie näher herangehen, werden Sie feststellen, dass einzelne Bildpunkte sichtbar werden und das Bild alles andere als einen scharfen Eindruck macht.

Spielen diese Aspekte richtig zusammen, erscheint uns ein Foto scharf. Etwas zu wenig Auflösung, Kontrast oder Abstand bei der Betrachtung lassen die Aufnahme jedoch flau und "neblig" wirken.


SCHäRFEGESTALTUNG
Rein aufnahmetechnisch haben Sie - abhängig von den Lichtverhältnissen, Ihrer Kameraausrüstung und den Gegebenheiten vor Ort - die Möglichkeit, beliebig viel Schärfentiefe ins Bild zu bringen. Sie steuern also durch die Wahl der Blende, der Brennweite, des Aufnahmeabstands und der eingesetzten Kamera die Schärfe-Unschärfe-Verteilung im Bild und gewichten so auch Ihr Motiv. Entscheidend ist dabei zu wissen, dass das menschliche Auge ununterbrochen fokussiert, alles stets scharf sieht beziehungsweise sehen will, und so auch im Foto von den scharfen Bereichen geradezu magisch angezogen wird. Alles, was Sie scharf zeigen, markieren Sie also regelrecht als wichtig, dominant und betrachtungswürdig.

Es versteht sich daher von selbst, dass Sie den Fokuspunkt auf den Teil des Motivs legen sollten, der am aussagekräftigsten für die Bildaussage ist. Bei Bildern von Personen sind das in der Regel die Augen, ebenso bei Tieren. Bei Pflanzen fokussieren Sie oftmals die Blüte, bei Gebäuden die Fassade und bei Werbebildern auf das Produkt.

NUR SCHäRFE
Sie können die Einflussfaktoren so wählen, dass die Schärfentiefe das gesamte Motiv umfasst. Das heißt, dieses wird von vorne bis hinten gleichermaßen scharf abgebildet und im gesamten Bild sind keine Unschärfen mehr sichtbar. Aufnahmen mit einem so großen Schärfentiefebereich wirken sehr sachlich, detailreich und laden zum Spazierengucken ein, da dem Auge kein eindeutiger Fokuspunkt geboten wird. Dieser Umstand kann
beim Betrachter ein Gefühl von Freiraum auslösen oder aber auch von Unentschiedenheit, da der Fotograf keine klare Ge wichtung der Bildelemente bietet.

Je interessanter das Motiv, desto weniger stört diese fehlende Abstufung in der Schärfe. Viele Details können den Betrachter entweder fesseln oder bei einer zu chaotischen Gestaltung auch überfordern, wenn er gar nicht mehr weiß, wo er zuerst hingucken soll. Bilder mit großen informationslosen Flächen
oder mit einem relativ kleinen Hauptmotiv inmitten einer auffällig gefärbten und gemusterten Umgebung verlangen daher
geradezu nach etwas weniger Schärfentiefe, um diese ablenkenden Bereiche in ihrer Dominanz zu reduzieren.

SCHäRFE UND UNSCHäRFE

Unschärfe reduziert das optische Gewicht eines Bildelementes, da der Blick durch die scharfen Bereiche angezogen und damit von den unscharfen weggeleitet wird. Je geringer die Schärfentiefe ausfällt, desto stärker wirkt dieser Effekt und auch gröbere Strukturen werden bis zur Unkenntlichkeit aufgelöst. Für feinere Muster und kontrastarme Bildbereiche genügt bereits eine leichte Unschärfe, um sie aufzulösen. Gewichtende Unschärfebereiche steigern die Erkennbarkeit des scharfen Hauptmotivs, da dieses sich deutlich von seiner Umgebung abhebt.

Schärfe selektiv zu setzen, ist demnach ein beliebtes Mittel, um ein einzelnes Bild element aus der Masse herauszulösen und in den Vordergrund der Aufmerksamkeit zu stellen.

Eine extrem geringe Schärfentiefe sorgt zudem dafür, dass der Schärfeeindruck zunimmt, der scharfe Teil also noch schärfer wirkt, als er eigentlich ist. Dieser Effekt entsteht durch den hohen Schärfe- Unschärfe-Kontrast.

Je mehr Sie als Fotograf das Spiel mit der Unschärfe mögen, desto eher lohnt sich die Investition in lichtstarke Festbrennweiten, die auch nach leichtem Abblenden noch geringe Schärfentiefen ermöglichen.

NUR UNSCHäRFE

Eine gezielte Fehlfokussierung, die dafür sorgt, das kein noch so kleiner Bereich im Bild scharf wiedergegeben wird, ist ein sehr künstlerisches Gestaltungsmittel, das häufig auf Ablehnung stößt. Der Effekt hat in erster Linie eine stark abstrahierende Wirkung und die Anforderungen an das Motiv sind vergleichbar mit dem Fotografieren eines Schattens: Wichtig ist, dass das Motiv noch in irgendeiner Weise zu erkennen ist, um eine Wirkung entfalten zu können, die den Betrachter länger fesseln kann. Gelingt Ihnen die komplette Unschärfe so, dass ein Bilderrätsel entsteht, kann die
Aufnahme sehr faszinierend und interessant wirken, da sie mit der Neugierde des Betrachters spielt.



Darüber hinaus verlangen komplett unscharfe Bilder eigentlich immer nach anderen, wirkungsvoll eingesetzten Gestaltungsmitten wie einer spannenden Lichtsituation oder einer interessanten Farbgebung.

BEWEGUNGSUNSCHäRFE
Unschärfen im Bild können nicht nur durch die Fokussierung und eine reduzierte Schärfentiefe entstehen, sondern auch durch Bewegung, die im Augenblick der Aufnahme entsteht. Sich die damit einhergehenden Effekte zunutze zu machen beziehungsweise gezielt einzusetzen, eröffnet ein weiteres, beinahe unabhängig von Fokus und Schärfentiefe bestehendes Gestaltungsfeld. Denn die entscheidende Einflussgröße ist hier die Verschlusszeit, die Sie in Relation zu der Bewegung, die das Motiv oder die Kamera ausführen, so wählen können, dass die Bewegung im Bild auf verschiedene Weise sichtbar wird.

Grundsätzlich gilt: Bewegt sich das Motiv oder die Kamera schneller als die Verschlusszeit der Kamera, so werden im Bild unscharfe Bewegungsspuren
sichtbar. Ist die Bewegung hingegen langsamer, friert sie in einem Standbild ein.


BEWEGTE KAMERA

Die häufigste Form der Bewegungsunschärfe im Bild entsteht durch die Kamera selbst, die sich im Moment der Aufnahme bewegt - und das in der Regel ungewollt. Da unser Körper sich ständig minimal bewegt, führen zu lange Verschlusszeiten schnell zu Verwacklungen im Bild. Diese wirken nur in Ausnahmefällen geplant und überzeugend auf den Betrachter; viel häufiger irritieren sie und werden als unbeabsichtigt entlarvt. Um das zu verhindern, hilft der Richtwert, dass die Verschlusszeit nie länger sein sollte als der Kehrwert der Brennweite. Diese Zeit zu verlängern gelingt mithilfe von Bildstabilisatoren in Kameras oder Objektiven und im Extremfall durch den Einsatz eines Stativs.

Derselbe Effekt wie beim Verwackeln lässt sich allerdings auch ganz bewusst als kreatives Gestaltungsmittel einsetzen, indem Sie die Kamera bei einer langen Verschlusszeit ganz gezielt bewegen. Je nachdem, welche Technik Sie dabei anwenden, sind die Verschlusszeiten von 1/4 bis zu 1/60 Sekunde für diese Experimente gut geeignet. Drehen, stoßen, ziehen oder werfen (!) Sie die Kamera dann, während Sie auslösen. Um das etwas besser durchführen zu können, empfiehlt sich der Zeitauslöser Ihrer Kamera, der Ihnen ein paar Sekunden Zeit lässt, bis automatisch ausgelöst wird.

BEWEGTES MOTIV
ähnlich und doch ein wenig anders ist es, wenn sich nicht die Kamera, sondern das Motiv bewegt. Der größte Unterschied besteht darin, dass sich nicht das ganze Bild bewegt, sondern nur ein Teil davon. Denn die Umgebung, der Hintergrund und einige andere Bildelemente bleiben - bezogen auf die Kamera - statisch, hier gilt dasselbe wie für ein unbewegliches Motiv: kein Verwackeln, sondern die Kamera stattdessen ruhig halten. Die Bewegungsunschärfe ist übrigens das fotografische Mittel der Wahl, wenn Sie beim Betrachter mit diesem unbewegten Medium das Gefühl von Bewegung auslösen wollen.

Welche Verschlusszeit Sie dafür wählen, ist ganz von der Geschwindigkeit und der Richtung der Bewegung einerseits sowie von Ihrem persönlichen Geschmack andererseits abhängig. Je länger Sie die Verschlusszeit wählen, desto stärker fällt die Bewegungsunschärfe
aus. Motive, die über ihren Umriss oder ihre Farbe sehr einfach zu erkennen sind, können Sie dabei länger belichten als solche, bei denen die feinen Details nötig sind, um sie zu identifizieren.

Die Wirkung von Bildern mit Bewegungsunschärfe entspricht unserer Wahrnehmung. Das menschliche Auge sieht bei einer Bewegung auch nicht alle Details, weshalb wir einen solchen Anblick gewohnt sind und als natürlich empfinden. Dementsprechend halten wir diese Bilder für glaubwürdiger. Gleichzeitig schenken wir ihnen aber auch weniger Aufmerksamkeit als einer künstlich eingefrorenen Bewegung, weil wir verstärkt auf das achten, was wir nicht kennen. Diese Wirkungen sollten Sie bedenken, wenn Sie Bewegungsunschärfe einsetzen, damit sie zu Ihrem gewählten Motiv und zu der von Ihnen geplanten Bildwirkung passt.

BEIDES BEWEGT SICH
Eine interessante, aber in der Umsetzung nicht ganz einfache Technik ist das Mitziehen, bei der sich Motiv und Kamera gleichzeitig parallel zueinander in dieselbe Richtung bewegen. Mitten in dieser Bewegung auszulösen, erzeugt Bilder mit einem scharfen Motiv vor einem bewegungsunscharfen Hintergrund. Diese Schärfe-Unschärfe-Verteilung kommt der menschlichen Wahrnehmung von Bewegung in der Realität am nächsten und fasziniert deshalb im Bild ganz besonders. Denn aus der Betrachtung von Fotos sind wir eher eingefrorene Bewegung und brillante Schärfen gewohnt. cb/gb


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